Technik des Foppens ...
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(HALL OF FAME REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Gesammelte Werke in einem Band (Taschenbuch) Traurig, dass dieser kostbare Mensch, immer am Abgrund der körperlichen Überanstrengung, schon mit 42 Jahren sterben musste. Wie eine bittere Selbstbeschreibung muss man interpretieren, was Morgenstern einst aufs Papier brachte:
"Er war so zart geworden, dass im Herbst - als unter einen Baum er trat - er lediglich von dürrem Laub erschlagen ward!"
Und wie hatte er, Sokrates verfeinernd, formuliert?
"Jeder muss sich selbst austrinken, wie einen Kelch."
Schaut man auf das erste Lebensdrittel des Dichters, so kommt man zu dem Schluss, dass es für ihn eine hässliche Zeitspanne gewesen sein muss. Dem Neunjährigen starb die geliebte Mutter, der zeitlebens gehasste Vater stopfte ihn in die verschiedensten Internate, den "Rotten von Schuljungs" war er nicht gewachsen.
Eine halbwegs glückliche Zeit des sich schreibend Selber-Findens erlebte er erst nach dem Abitur - in der Spanne also von 1893-1905 - bevor es (drittens) zu einer wesensverändernden, religiös-mystischen Wende kam (wohl unter dem Eindruck seiner unabwendbaren, schwerer werdenden Krankheit). Das Faszinierende an dem zwischenzeitlich sich freischreibenden Morgenstern ist jene Mischung aus düsterem und zugleich spielerischem Humor.
Wirklich zu lachen hatte Morgenstern eigentlich auch in der produktiven Mitte seines kurzen Lebens nichts, denn er musste, um nicht zu verhungern, jahrelang eine am Ende doch recht ungeliebte Übersetzungstätigkeit als Brotberuf ausüben: Er hatte Ibsens Werke aus dem Norwegischen ins Deutsche zu übertragen.
Zwischendurch gelang es Morgenstern jedoch immer wieder, kurze Augenblicke lang das erstickende Geröll aus Lungenkrankheit und finanzieller Katastrophe beiseite zu räumen, und dann entstanden Verse wie diese:
"Kürzlich kam ein Wort zu mir,
staubig wie ein Wedel,
wirr das Haar, das Auge stier,
doch von Bildung edel."
"Die Geburt der Kunst aus dem Geiste des Spiels" nennt es Morgenstern-Biograph Beheim-Schwarzbach, den bekannten Titel eines Nietzsche-Werkes variierend ("Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik"). Die Galgenlieder, Korf, Palmström und die Muhme Kunkel: Hier lebte glücklich eine zeitlang das Kind im Manne, hier perfektionierte sich eine "Technik des Foppens" (Beheim-Schwarzbach).
In der letzten Lebensphase schloss sich Morgenstern, körperlich, seelisch und geistig geschwächt, dem Kreis um Rudolf Steiner an. Die von dieser Szene angezogene Generalstochter Margareta Gosebruch von Liechtenstern verehrte und heiratete Christian Morgenstern - und gab immerhin diese wundervolle Sammlung seiner besten Schaffensergebnisse heraus.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 17. Januar 2006
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