Er sieht andres als Andre...
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Gesammelte Werke in einem Band (Taschenbuch) Diese Morgenstern-Ausgabe ist wirklich eine Fundgrube, denn sie enthält nicht nur Morgensterns berühmteste Werke, nicht nur die herrlichen Galgenlieder, Palmström, den Gingganz und die Kinderlieder ("Der Marabu" und anderes), sondern auch unbekannte, ernsthaftere Gedichte, Grotesken und Parodien, Epigramme und eine Auswahl aus seinen Briefen.

Zu den Galgenliedern etwa muss man nicht mehr viel sagen -- selten hat ein Dichter virtuoser mit der deutschen Sprache gespielt. Doch auch für Morgensterns andere Werke gilt sein berühmter Satz aus der Einleitung zu den Galgenliedern: "Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre." Man gewinnt nämlich beim Lesen auch seiner anderen Werke immer mehr den Eindruck, dass Morgenstern seinen Galgenberg nie verlassen hat. Er sieht nunmal andres als andre...

Dieses Anders-Sehen zieht sich durch Morgensterns gesamtes Schaffen -- und besonders hinweisen möchte ich auf einige unbekannte Juwelen dieser Ausgabe: Da wären z.B. bei den Grotesken und Parodien herrliche Horaz-Parodien, in denen Morgenstern die Jagdleidenschaft seiner Zeitgenossen aufs Korn nimmt, und natürlich beherrscht er auch die Form und jongliert mit den verschiedenen Odenstrophen, dass einem beim Lesen schwindlig wird. Ganz nebenbei nimmt er dabei auch noch Übersetzermarotten ins Visier: "und so zog er denn, traun! fort nach -- Utopia." Dieses leidige "traun!" wurde wohl nie geistreicher dem Spott preisgegeben -- und die verklärende Sicht seiner Zeitgenossen auf die Antike samt der eingebildeten Kulturträgerschaft werden gleich mit erledigt...

Lesenswert sind natürlich auch die anderen hier versammelten Werke -- neben den Parodien (herrlich fies ist z.B. auch ein Kurzdrama im Stile d'Annunzios) etwa die thematisch geordneten Aphorismen und Tagebuch-Notizen in "Stufen". So findet man hier, im Abschnitt "Sprache", zahlreiche Reflexionen auf sein eigenes Werk: "Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort: Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffes überhaupt."

Ein Beispiel ganz anderer Art sind die Gedichte in "Zeit und Ewigkeit" -- hier lernt man einen unbekannten, nicht minder sprachmächtigen Morgenstern kennen, etwa im meisterhaften Naturgedicht "Abend im Gebirge". Ganz anders, aber genauso beeindruckend sind die "Fiesolaner Ritornelle" mit ihren fast schon hingehauchten Stimmungsbildern aus der Toscana. Hier beeindruckt nicht nur Morgensterns Formbeherrschung...

Die "Gesammelten Werke" werden abgeschlossen durch eine Auswahl aus seinen Briefen; hierzu gibt es auch, im Gegensatz zu den anderen hier enthaltenen Werken, einen kleinen Anmerkungsapparat.

Einen Schwachpunkt dieser Ausgabe ist der editorische Teil -- er umfasst neben einem alphabetischen Gedichte-Register lediglich eine Zeittafel zu Morgensterns Leben und eine Auflistung seiner Buchveröffentlichungen. Wer also gern wüsste, wann ein bestimmtes Gedicht entstanden ist, muss seinen Wissensdurst anderswo stillen. Noch schlimmer steht es mit dem Briefe-Teil: Hier wäre doch wenigstens eine Angabe fällig, wo Morgensterns Nachlass verwahrt wird. Auch ein Nachwort des (ungenannten!) Herausgebers fehlt leider -- letzteres ist noch am ehesten zu verschmerzen.

Doch genug des Beckmesserns! Schließlich handelt es sich hier nicht um eine wissenschaftliche Werkausgabe, sondern um eine Ausgabe für den erweiterten Hausgebrauch. Daher sind die editorischen Mängel gerade noch zu verschmerzen.

Viel schwerer wiegt, dass man hier ausgiebig Gelegenheit bekommt, einen ganz anderen Morgenstern kennenzulernen. Freilich, trotz aller Begeisterung für meine hier erwähnten und unerwähnten Funde:

Morgensterns "Galgenlieder" sind zu Recht sein berühmtestes Werk. Das ändert ja nichts an der Klasse seiner anderen Werke...
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 1. Februar 2007
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